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Objekt Nummer 6 kommt in den Cavazzen – etwas verspätet!

 

Die Geschichte hinter dem Schiffsbug des Dampfschiffes „Stadt Lindau“

 

Der Schiffsbug des Dampfschiffes „Stadt Lindau“ wird demnächst in der neuen Dauerausstellung im Cavazzen zu sehen sein - er hat bereits einiges erlebt! 

Das Schiff vor dem Bayrischen Hof im Lindauer Hafen (Album Gruber, Bayrische Schiffe. Copyright Museum Lindau)

Das 45 m lange Dampfschiff wurde 1855 gebaut und war mit einer zulässigen Personenbelastung von 600 Passagieren zeitweilig das größte Dampfschiff auf dem Bodensee. Durch eine glückliche Fügung waren am schicksalhaften 8.Oktober 1887 aber nur wenige Fahrgäste und die Mannschaft an Bord:  
Abends, allerdings bei ruhigem Wetter, kommt es 200 m vor der Hafeneinfahrt Lindaus zu einem tragischen Unglück. Die „Stadt Lindau“  wird von der österreichischen „Habsburg“ gerammt und sinkt, allerdings nur in eine geringe Tiefe von 4 Metern. Drei Menschen kommen möglicherweise schon bei der Kollision ums Leben. Als Verursacher wird der Kapitän der Habsburg, Wilhelm von Mercandin später zu 9 Monaten Arrest verurteilt – es war nicht das erste Mal, dass es unter seinem Kommando zu Unfällen kam. Sein Steuermann sagt aus, dass man, um eine Verspätung im Fahrplan einzuholen, regelwidrig den Kurs veränderte und keine Signalglocke betätigt habe. Ein Schiffbrüchiger bemerkt: „Wie ich nun später erfahren habe, konnte die Mannschaft der „Habsburg“  ihr Rettungsboot nicht in den See lassen, dasselbe konnte das Wasser nicht vertragen [...] Über den Kapitän und die Mannschaft erlaube ich mir kein Urtheil abzugeben, dasselbe würde sehr schlecht ausfallen; Ersterer soll mit der brennenden Cigarette auf dem Verdeck herumgelaufen sein“.  (Vaduzer Volksblatt 21.10.1887 (Quelle Wikipedia: Mercandin))

Nur der Schlot ragt aus dem Wasser. (LIStA-Digit-SFot-F13. Copyright Stadtarchiv)

In geringer Entfernung vor der Hafeneinfahrt wird das gesunkenen Schiff zwar schnell eine touristische Attraktion - Schlot und ein Teil des Oberdeck ragen aus dem Wasser -  aber man entscheidet sich zügig zur Hebung.
Schiffshebungen mit „moderner Technik“ sind seit dem ersten Untergang des Dampfbootes „Ludwig“ 1861 im Bodensee erprobt. Der Ingenieur Wilhelm Bauer erhielt damals den Auftrag, das Schiff zu bergen und experimentierte mit einem Verfahren, bei dem Tauchern am Wrack unter Wasser mit Luft gefüllte Ballons anbrachten und damit für den nötigen Auftrieb sorgten, um das Schiff zuerst an die Wasseroberfläche und später in einen Hafen zu bugsieren. Von besonderer Bedeutung waren dabei die auf Schleppkähnen laufenden Dampfmaschinen (Lokomobile), die die Luft in Kautschukballons pumpten. Schicksalhafterweise war die „Stadt Lindau“ 1861 bereits selber an einem ersten Hebungsversuch der „Ludwig“  beteiligt: als Schleppschiff zog sie das leicht angehobene Wrack Richtung Rorschach. (Allerdings scheiterte dieser Bergungsversuch noch mehrfach, bis die „Ludwig“ 1863 endgültig gehoben werden konnte.)


Taucher an Bord. (LIStA-Digit-SFot-F13. Copyright Stadtarchiv)

Trajektkähne heben und ziehen das Wrack. (LIStA-Digit-SFot-F13. Copyright Stadtarchiv)

Für die Bergung der „Stadt Lindau“ arbeitet man nun ebenfalls mit Auftrieb und Dampfkraft: hier flutet man Lastkähne, befestigte das Wrack mit Ketten daran und stellt den nötigen Auftrieb her, indem das Wasser aus den Kähnen herausgepumpt wird, die so selber als „Ballons“ dienen. Zwischen zwei Trajektkähne gespannt wird die „Stadt Lindau“ nach Lindau geschleppt, sie kann allerdings aufgrund der starken Beschädigung nicht wieder repariert und in Dienst gestellt werden.
Im Lindauer Tagblatt 9.März 1888 findet sich die Notiz, dass ein Herr Heimpel aus Lautrach bei Memmingen das Wrack 1888 zu 1200 Mark gekauft hat um das Material weiterzuverwenden. Die Hebungskosten belaufen sich alleine auf 9000 Mark.


Der Schaden ist irreparabel und das Schiff wird 1888 abgewrackt. (LIStA-Digit-SFot-F13. Copyright Stadtarchiv)

Bereits am 2.Februar 1888 hatte man im Rat der Stadt Lindau beschlossen, die Eigentümerin des Wracks, die Generaldirektion der Königl.Bayr. Staatseisenbahn, um die Überlassung des Schiffsbugs mit seinem eingeschnitzten Lindenblatt - Wappen, zu bitten,  für das „neuzugründende“ Stadtmuseum (Gründungsdatum Museumsverein erst 25.1.1889!). Ein alter Inventar- Aufkleber weist den Schiffsbug heute noch als eines der ersten Sammlungsobjekte auf - er trägt die Nummer 6.
Leider ist nicht bekannt, was danach mit dem Stück geschah - es wurde wohl nie „offiziell“ im Alten Rathaus und später im Cavazzen ausgestellt, sondern nur eingelagert.  Über 170 Jahren nach seiner  Herstellung und mit  seiner abenteuerlichen Geschichte bis auf den Grund des Sees gebührt ihm jetzt ein prominenter Platz im Cavazzen!


Das Lindenblatt Wappen als Gallions-Zeichen. (Copyright Museum)

Das Seewasser und auch der Staub der Abstellkammern sind nicht spurlos am Holz, der Bemalung und Vergoldung vorbeigegangen. Wenn Sie helfen möchten, dieses schöne  Museumsstück zu restaurieren und eindrucksvoll zu präsentieren, freuen wir uns sehr! Informationen zu Patenschaften und Spenden für unsere Restaurierungsobjekte erhalten Sie über das Stadtmuseum museum@lindau.de oder den Historischen Verein http://www.museumsverein-lindau.de/

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